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Neurologische & Spezielle Pflege 19 Min. Lesezeit

Neurologische Pflege zu Hause: Parkinson, MS, ALS & Co. — der Leitfaden 2026

Neurologische Pflege zu Hause 2026 — Parkinson, MS, ALS, Schlaganfall: Pflegegrad, Hilfsmittel, Therapien, 24-h-Pflege. Praxis-Leitfaden.

Neurologische Erkrankungen verlaufen anders als „klassische” Pflege- situationen im Alter. Sie sind häufig chronisch progredient, betreffen oft mittlere und jüngere Lebensalter, und brauchen ein anderes Verständnis von Therapie und Pflege — eines, das Verlauf, Schwankungen und Würde zusammendenkt.

In zwanzig Jahren Altenpflege habe ich gelernt: Familien, die neuro- logisch Erkrankte begleiten, brauchen am Anfang vor allem Information und Struktur. Dieser Leitfaden bündelt, was Sie für die häuslichen Pflege bei Parkinson, Multipler Sklerose, ALS und Schlaganfall-Spätfolgen wissen müssen — Pflegegrad, Therapien, Hilfsmittel, Förderungen, 24-h-Pflege.

Auf einen Blick

  • Neurologische Erkrankungen betreffen in Deutschland über 5 Mio. Menschen — Parkinson rund 400.000, MS rund 280.000, ALS ca. 8.000
  • Pflegegrad ist meist deutlich höher anzusetzen, als Familien erwarten — PG 3 bis PG 5 sind üblich
  • Pflegegeld 2026: PG 3: 599 € · PG 4: 800 € · PG 5: 990 €
  • Therapien (Physio, Ergo, Logo) sind fortlaufend nötig — auch bei progredientem Verlauf
  • 24-Stunden-Pflege häufig sinnvoll, sobald nächtliche Versorgung und Schwankungen einsetzen
  • Wohnumfeldverbesserung bis 4.180 € einmalig
  • Hilfsmittel: Rollator, Rollstuhl, Pflegebett, Lifter, Kommunikations- hilfen — meist über Krankenkasse statt Pflegekasse

„Familien fragen mich oft: ‚Maria, wann ist der richtige Moment für mehr Hilfe?’ Bei neurologischen Erkrankungen lautet die Antwort fast immer: früher, als Sie denken. Wer rechtzeitig Strukturen baut, kann die Phasen der Verschlechterung viel besser auffangen.” — Maria Hoffmann, Pflegefachberaterin bei Omelia

1. Was meint „neurologische Pflege” eigentlich?

„Neurologische Pflege” ist Pflege bei Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Sie unterscheidet sich von „Standard”- Pflege durch:

  • Komplexe Symptomatik: Bewegungsstörung, Sprachverlust, Spastik, Schluckstörung, Inkontinenz, kognitive Veränderungen — oft mehrere gleichzeitig
  • Verlauf: chronisch, oft progredient, mit Schüben oder Schwankungen
  • Therapieintensität: Physio-, Ergo-, Logopädie — fortlaufend, meist mehrfach pro Woche
  • Technische Hilfsmittel: Rollstühle, Lifter, Atemtherapie-Geräte, Kommunikationshilfen, PEG-Sonden
  • Psychische Belastung: Erkrankte und Familien sind über Jahre gefordert

Dieser Leitfaden konzentriert sich auf die vier häufigsten Bilder in der häuslichen Pflege: Parkinson, Multiple Sklerose, ALS, Schlaganfall- Spätfolgen.

2. Parkinson zu Hause pflegen

Das Parkinson-Syndrom betrifft in Deutschland rund 400.000 Menschen — mit deutlich steigender Tendenz. Es ist eine chronisch progrediente Bewegungsstörung durch Dopamin-Mangel im Gehirn.

Symptome im Verlauf

  • Frühphase: einseitiges Zittern (Tremor), Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Steifigkeit (Rigor)
  • Mittlere Phase: Gangstörung, Sturzneigung, Schluckprobleme, Stimme leise, Schrift klein, depressive Symptome
  • Späte Phase: Bettlägerigkeit, „On-Off”-Phänomen, Demenz möglich, Pflegegrad meist 4 – 5

Mehr zur Pflege im Detail in unserem Beitrag Parkinson zu Hause pflegen — Praxis für Angehörige (Stadien I–V).

Was Familien wissen sollten

  • Medikamentenpläne sind heilig: L-Dopa muss pünktlich gegeben werden, Verzögerungen verschlechtern den Zustand binnen Stunden
  • Sturzprävention ist zentral — siehe unsere 47-Punkte- Checkliste
  • Logopädie früh beginnen — Sprache und Schlucken verbessern sich mit Übung
  • Halluzinationen sind häufig (siehe unseren Halluzinationen-Leitfaden)
  • 24-h-Pflege häufig ab Stadium III bis IV nach Hoehn & Yahr sinnvoll

Hilfsmittel-Standards

  • Rollator mit Bremse
  • Sitzerhöhung WC
  • Greifhilfen
  • Bett-Aufstehhilfe
  • Pflegebett (über Krankenkasse mit ärztlicher Verordnung)
  • Lifter (über Pflegekasse, Pflegehilfsmittel)

3. Multiple Sklerose (MS) zu Hause pflegen

Etwa 280.000 Menschen leben in Deutschland mit MS — Frauen sind ca. zwei- bis dreimal häufiger betroffen, Erkrankungsbeginn typisch zwischen 20 und 40 Jahren. MS verläuft sehr unterschiedlich:

  • Schubförmig (RRMS): Schübe mit kompletter oder teilweiser Rückbildung — 80 – 85 % der Fälle bei Diagnose
  • Sekundär progredient (SPMS): nach Jahren oft Übergang in schleichende Verschlechterung
  • Primär progredient (PPMS): von Anfang an langsam zunehmend, 10 – 15 %

Was Familien wissen sollten

  • Schwankungen sind das prägende Merkmal — gute Tage, schlechte Tage, Schübe
  • Fatigue (krankhafte Erschöpfung) ist das häufigste und am meisten unterschätzte Symptom
  • Wärme verschlechtert Symptome bei vielen Patienten — Klimatisierung, Kühlung, kein heißes Bad
  • Therapien (Physio, Ergo, Logo) sind essenziell — ein Tag pro Woche pro Therapie ist Minimum
  • Pflegegrad schwankt mit dem Verlauf — Höherstufung nach Schüben oft sinnvoll

Mehr in unserem Beitrag Multiple Sklerose (MS) zu Hause: Pflege im Alltag bei schubförmigem und progredientem Verlauf.

24-Stunden-Pflege bei MS

Wann sinnvoll?

  • Wenn Mobilität dauerhaft eingeschränkt ist
  • Wenn Fatigue eine Vollzeit-Pflege durch Angehörige unmöglich macht
  • Wenn Schübe häufig stationäre Pflege erfordern würden, die zu Hause geleistet werden soll

4. ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zu Hause pflegen

ALS betrifft in Deutschland nur etwa 8.000 Menschen gleichzeitig — ist aber eine der am schnellsten progredient verlaufenden neurologischen Erkrankungen. Die mittlere Lebenserwartung ab Diagnose liegt bei 3 – 5 Jahren.

Was Familien wissen sollten

  • Bewegungsverlust ist der Hauptbefund — von einem Arm/Bein ausgehend, oft generalisierend
  • Schlucken wird zunehmend schwierig — PEG-Sonde häufig nötig
  • Sprache geht verloren — Kommunikationshilfen rechtzeitig organisieren (Tobii-Eye-Tracker, Buchstabentafel)
  • Atmung wird kritisch — nicht-invasive Beatmung (NIV) häufig im Verlauf
  • Geist bleibt klar — die Person bekommt alles mit, was Pflege und Familie tun und sagen
  • Pflegegrad schnell hoch (PG 4 – 5), oft Eilbegutachtung sinnvoll

Was die häusliche Pflege ALS-typisch macht

  • Vollzeit-Pflege sehr früh nötig
  • Atemtherapie und ggf. nächtliche NIV-Maske
  • Schluckmanagement: angedickte Flüssigkeit, später PEG
  • Lagerung: alle 2 – 3 Stunden zur Dekubitusprophylaxe
  • Würdige Kommunikation bis zum Schluss — Augenkontakt, langsam sprechen, Geduld

ALS-Familien brauchen früh ein multidisziplinäres Team: Hausarzt, Neurologie-Spezialambulanz, Palliativnetz, ggf. 24-h-Pflege. Die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) und die DZNE-Spezialambulanzen helfen bei der Vernetzung.

5. Pflege nach Schlaganfall

Der Schlaganfall ist die häufigste neurologische Akut-Erkrankung in Deutschland — etwa 270.000 Fälle pro Jahr, mit ca. 40 % dauerhaften Folgen. Eine ausführliche Praxis-Anleitung haben wir im Beitrag Pflege nach Schlaganfall.

Typische Spätfolgen

  • Hemiparese (Halbseitenlähmung)
  • Aphasie (Sprachstörung)
  • Dysphagie (Schluckstörung)
  • Neglect (Vernachlässigung einer Körperseite)
  • Depression (sehr häufig — 30 – 50 %)
  • Kognitive Einschränkungen bis zur vaskulären Demenz

Was häusliche Pflege bei Schlaganfall braucht

  • Therapien intensiv und langfristig (Physio, Ergo, Logo)
  • Pflegebett mit Aufrichthilfe
  • Wohnumfeld-Anpassung (Rampe, Treppenlift, Bad)
  • Pflegegrad meist 3 – 5, Eilbegutachtung beantragen
  • 24-h-Pflege häufig sinnvoll, gerade bei alleinlebenden Betroffenen

6. Was alle neurologischen Pflege-Situationen gemeinsam haben

Trotz unterschiedlicher Krankheitsbilder gibt es gemeinsame Prinzipien:

Therapien-Trio

  • Physiotherapie: Bewegung erhalten, Kontrakturen vermeiden, Sturzprophylaxe
  • Ergotherapie: Alltagsfähigkeiten erhalten, Hilfsmittel einüben, kognitives Training
  • Logopädie: Sprache, Schlucken, Stimme

Alle drei sind GKV-Leistungen (Krankenkasse), nicht Pflegekassen- Leistungen. Die Verordnung erfolgt durch Hausarzt oder Facharzt.

Pflegegrad-Strategie

  • Frühzeitig beantragen — bei progredienten Erkrankungen lohnt Höherstufung jährlich
  • MD-Termin gut vorbereiten — siehe unsere Begutachtungs- Anleitung
  • Pflegetagebuch über mindestens 2 Wochen führen — gerade bei Schwankungen (z. B. „On-Off” bei Parkinson) ist die Dokumentation über mehrere Tage entscheidend
  • Hausärztliche Stellungnahme schriftlich beifügen

Hilfsmittel — wer zahlt?

HilfsmittelZahler
Rollator, Rollstuhl, Pflegebett, LifterKrankenkasse (Rezept Hausarzt)
Verbrauchsartikel: Inkontinenz, Desinfektion, EinmalhandschuhePflegekasse (42 €/Monat ab PG 1)
Treppenlift, Türverbreiterung, barrierefreies BadPflegekasse (bis 4.180 € einmalig)
Hörgeräte, BrillenKrankenkasse (Festbeträge)

Mehr zu Pflegehilfsmitteln in unserem Beitrag Pflegehilfsmittel 42 € pro Monat und zur Wohnumfeldverbesserung in Wohnumfeldverbesserung 4.180 €.

Sturzprävention

Bei allen neurologischen Erkrankungen ist die Sturzgefahr stark erhöht. Mehr in unserer 47-Punkte-Checkliste Sturzprävention.

„Eine Witwe aus dem Schwarzwald, 76, mit fortgeschrittener MS, hat erst nach drei Stürzen verstanden, dass Türschwellen wirklich raus müssen. Da war sie schon zweimal in der Klinik. Wir machen Wohnungs-Begehungen heute viel früher — am besten, bevor der erste Sturz passiert.” — Maria Hoffmann

7. Wann ist eine 24-Stunden-Pflege bei neurologischen Erkrankungen sinnvoll?

Eine 24-h-Pflege ist häufig der entscheidende Hebel, wenn:

  • Nächtliche Versorgung nötig wird (Lagerung, Inkontinenz, Atmung)
  • Schluckstörungen Begleitung beim Essen erfordern
  • Schwankungen im Tagesverlauf (Parkinson „On-Off”, MS-Fatigue) eine konstante Bezugsperson brauchen
  • Pflegende Angehörige an die Grenze ihrer Belastbarkeit kommen — bei progredienten Verläufen oft schon nach 1 – 2 Jahren
  • Ärztliche Therapien so eng getaktet sind, dass jemand sie organisieren muss

Eine konkrete Kostenschätzung für Ihre Situation erstellt unser Kostenrechner. Welche Förderungen Ihnen 2026 zustehen, prüft der Förderungs-Check.

Eigenanteil bei 24-h-Pflege im neurologischen Kontext

Eine Beispielrechnung — Person mit PG 4, ALS, B1-Betreuungskraft:

PositionBetrag
Bruttokosten 24-h-Pflege (B1-Sprachstufe)3.349 €
− Pflegegeld (PG 4)− 800 €
− Entlastungsbetrag− 131 €
− Verhinderungspflege (monatl. anteilig)− 295 €
− Steuervorteil § 35a EStG (anteilig)− 333 €
Effektiver Eigenanteilrund 1.790 €

Bei höherem Pflegegrad und Pflegesachleistungen-Kombination sinkt der Eigenanteil weiter. Mehr zur Steuerförderung in unserem Beitrag § 35a EStG bei Pflege.

8. Die unterschätzte Rolle der Familie

Bei neurologischen Erkrankungen ist die Familie oft über Jahre bis Jahrzehnte Hauptpflegeperson. Was dabei systematisch unterschätzt wird:

  • Eigene Erschöpfung der Pflegenden — siehe unseren Beitrag Pflegender Angehöriger am Limit — Burnout erkennen
  • Soziale Isolation der Familie
  • Eigene Gesundheit kommt zu kurz
  • Berufstätigkeit wird oft reduziert oder aufgegeben
  • Konflikte in der Familie über Verteilung der Pflege

Empfehlung: Frühzeitig Entlastung organisieren — Verhinderungspflege, Tagespflege, 24-h-Pflege. Wer wartet, bis es „nicht mehr geht”, hat oft schon Schaden genommen.

9. Vorsorge und Recht — Pflicht bei neurologischen Erkrankungen

Bei chronisch progredienten Erkrankungen ist rechtliche Vorsorge besonders wichtig:

  • Vorsorgevollmacht (am besten notariell)
  • Patientenverfügung (mit konkreten Festlegungen zu Beatmung, PEG, Reanimation)
  • Betreuungsverfügung als Backup

Mehr dazu in unserem Beitrag Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht für Pflegefamilien 2026.

10. Multidisziplinäre Teams — wer gehört dazu?

Eine gut funktionierende häusliche neurologische Pflege braucht ein Team aus verschiedenen Disziplinen, nicht nur eine Hausärztin und eine Pflegekraft. Idealerweise besteht es aus:

Ärztliche Versorgung

  • Hausarzt / Hausärztin als zentrale Koordination
  • Neurologe / Neurologin mit Spezialisierung auf die Grunderkrankung
  • Schmerztherapeut bei chronischen Schmerzen
  • Palliativmediziner im fortgeschrittenen Verlauf

Therapien (GKV-finanziert)

  • Physiotherapie — wöchentlich bis mehrmals wöchentlich
  • Ergotherapie — wöchentlich
  • Logopädie — wöchentlich, bei Sprach-/Schluckstörungen
  • Atemtherapie — bei ALS, fortgeschrittenem Parkinson
  • Heilpädagogik / Neuropsychologie — bei kognitiven Symptomen

Pflegerische Versorgung

  • Ambulanter Pflegedienst für Behandlungspflege (Wundversorgung, Medikamentengabe, Injektionen)
  • 24-Stunden-Betreuungskraft für Alltagspflege, Mobilisation, Aufsicht
  • Pflegende Angehörige als emotionaler Anker

Begleitende Beratung und Vernetzung

  • Pflegestützpunkt als Koordinationsstelle vor Ort
  • Selbsthilfegruppe (DPV, DMSG, DGM) für emotionalen Austausch
  • Sozialdienst der Klinik bei Übergängen Klinik → Heim
  • Hospiz-/Palliativnetzwerk im Endstadium

Wer dieses Netzwerk früh aufbaut, hat in Krisensituationen kurze Wege. Wer wartet, bis die Krise da ist, verliert wichtige Wochen.

11. Die ersten 100 Tage nach neurologischer Diagnose

Aus unserer Praxis: Die ersten 100 Tage nach der Diagnose sind entscheidend für die spätere Pflegequalität. Empfohlene Schritte:

Woche 1 – 2

  • Diagnose verstehen, Zweitmeinung holen
  • Hausarzt einbinden
  • Familie informieren
  • Erste Selbsthilfegruppe kontaktieren

Woche 3 – 6

  • Pflegegrad-Antrag stellen
  • Therapien (Physio, Ergo, Logo) verordnen lassen
  • Verlaufsmodifizierende Therapie (bei MS, Parkinson) einstellen
  • Pflegetagebuch beginnen

Woche 7 – 12

  • Pflegeberatung nach § 7a SGB XI wahrnehmen
  • Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung erstellen
  • Wohnungs-Check auf Sturzgefahren
  • Erste Wohnumfeldverbesserung anmelden

Woche 13 – 14

  • Pflegegrad-Bescheid bewerten
  • Familie über Pflegeaufgaben absprechen
  • Ggf. Verhinderungspflege / Tagespflege organisieren
  • 24-h-Pflege als Option evaluieren

Diese Struktur schafft eine Basis, auf der alle späteren Anpassungen aufbauen können.

12. Notfallplan — vorbereitet sein für die Krise

Bei neurologischen Erkrankungen sind akute Krisen ein realistisches Risiko: epileptischer Anfall, Sturz mit Verletzung, Aspiration, akuter MS-Schub, ALS-Atemnotsituation. Eine vorbereitete Familie reagiert ruhig und richtig.

Was in den Notfallordner gehört

  • Aktuelle Diagnosenliste mit ICD-10-Codes
  • Medikamentenplan (mit Dosis, Zeitpunkten, Indikation)
  • Allergien und Unverträglichkeiten
  • Hausarzt, Facharzt, Klinik-Kontakte
  • Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht (Kopien)
  • Versicherungs- und Sozialdaten (Krankenkasse, Pflegekasse, Pflegegrad-Bescheid)
  • Wichtige Befunde der letzten 6 – 12 Monate

Diese Mappe lebt im Eingangsbereich — gut sichtbar für den Notarzt.

Wer wird wann angerufen?

  • Notarzt 112 bei Atemnot, schwerer Bewusstseinstrübung, Krampfanfall mit Verletzungsgefahr, Verdacht auf Schlaganfall
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117 bei akuter, aber nicht lebensbedrohlicher Verschlechterung (z. B. MS-Schub am Wochenende)
  • Hausarzt am Folgetag für alles andere
  • Bevollmächtigte Person zeitnah informieren
  • Pflegedienst / 24-h-Agentur bei Personalveränderung nötig

Bei stationärer Aufnahme

Auch der Klinikaufenthalt sollte vorbereitet sein:

  • Klinik-Tasche mit Wäsche, Hygiene, Patientenverfügung, Medikamentenliste
  • Pflegekasse informieren — Pflegegeld läuft 2026 für bis zu 8 Wochen weiter (vorher 4 Wochen)
  • Reha-Klinik vorbereiten — bei progredienten Erkrankungen oft spezialisierte Reha sinnvoll (z. B. Neuro-Reha Phase D)

13. Verlauf und Würde — die unterschätzte Dimension

Bei progredienten neurologischen Erkrankungen begleitet die Familie oft Verlust nach Verlust: Mobilität, Sprache, Selbständigkeit, manchmal Persönlichkeit. Was Familien stark macht:

  • Anerkennung der Trauer — auch um eine noch lebende Person
  • Gespräche über Wünsche solange möglich (Hospiz, Heim, zu Hause?)
  • Erinnerungsarbeit (Fotos, Geschichten, Lieblingsmusik)
  • Rituale im Alltag — Kaffee am Morgen, Spaziergang am Nachmittag
  • Würdige Pflege im körperlichen Sinn — saubere Wäsche, gepflegte Haare, sauberes Bett

Manche Familien empfinden besonders die letzten Monate als die wichtigsten ihrer Beziehung. Aus zwanzig Jahren Pflegepraxis weiß ich: Wer diese Zeit gut nutzt, schließt mit der Krankheit nicht den geliebten Menschen ab — er findet ihn noch einmal.

„Eine Witwe aus Köln hat ihren Mann mit ALS bis zum Schluss zu Hause gepflegt — mit 24-h-Kraft, Palliativnetz, einer wunderbar geduldigen Hausärztin. Im letzten Monat saß sie täglich an seinem Bett und las ihm Gedichte vor. Er konnte nicht mehr sprechen, aber blinzelte zur Antwort. Sie sagte mir später: ‚Das war das Wichtigste, was wir je getan haben.’ Das ist neurologische Pflege im besten Sinne.” — Maria Hoffmann

14. Kostenrahmen häuslicher neuro-Pflege im Jahresverlauf

Familien fragen häufig: „Was kostet uns die häusliche Pflege bei einer neurologischen Erkrankung im Jahr — und was übernimmt das System?” Eine grobe Größenordnung für PG 3, mittelschwerer Verlauf, A2-Betreuungskraft, vollständige Förderausschöpfung:

PostenJahresbetrag
24-h-Pflege bruttoca. 34.800 €
Therapien (Physio, Ergo, Logo) GKV-finanziert0 € Eigenanteil
Pflegehilfsmittel (42 €/Mon.)0 € Eigenanteil
Hilfsmittel-Anschaffungen einmalig (Lifter, Rollstuhl etc.)meist 0 €, GKV
Wohnumfeldverbesserung (im 1. Jahr)bis 4.180 € durch Pflegekasse
Bruttobelastung Familieca. 34.800 €
− Pflegegeld PG 3− 7.188 €
− Entlastungsbetrag− 1.572 €
− Verhinderungspflege− 3.539 €
− Steuervorteil § 35a EStG− 4.000 € (max.)
Effektiver Eigenanteil pro Jahrca. 18.500 €

Das entspricht rund 1.541 €/Monat — deutlich weniger als der bundesdurchschnittliche Pflegeheim-Eigenanteil von 3.245 €/Monat (vdek-Atlas Q1 2026). Mehr zur Aufschlüsselung in unserem Beitrag 24-Stunden-Pflege Kosten 2026 — ehrliche Aufschlüsselung.

15. Häufige Fragen

Wie schnell sollte der Pflegegrad-Antrag bei neurologischer Diagnose gestellt werden?

Sofort. Pflegegeld läuft rückwirkend ab Antragstellung. Bei Erkrankungen mit absehbarer Verschlechterung wäre jeder Monat ohne Antrag verschenkt.

Werden Therapien dauerhaft bezahlt?

Ja — bei neurologischen Diagnosen gibt es das „Verordnung außerhalb des Regelfalls” (HMR — Heilmittelrichtlinie). Damit können Physio, Ergo, Logo dauerhaft verordnet werden. Hausarzt einbeziehen.

Können wir auch ohne 24-h-Pflege bleiben?

Ja, viele Familien organisieren die Pflege mit ambulantem Pflegedienst, Tagespflege und eigener Mitarbeit. Wichtig ist eine realistische Einschätzung der eigenen Kräfte — und Bereitschaft, rechtzeitig nachzusteuern.

Wird MS oder Parkinson als Schwerbehinderung anerkannt?

In den meisten Fällen ja. Antrag beim Versorgungsamt stellen. Der Schwerbehindertenausweis bringt Steuerfreibeträge, Nachteilsausgleiche und teils Kündigungsschutz.

Was leistet eine 24-h-Kraft bei medizinischen Tätigkeiten?

24-h-Betreuungskräfte sind keine examinierten Pflegefachkräfte. Sie übernehmen Grundpflege, Mobilisation, Hauswirtschaft, Begleitung. Für Behandlungspflege (Injektionen, Wundversorgung, Katheter) braucht es einen ambulanten Pflegedienst (Leistungen nach § 37 SGB V — über Krankenkasse).

Welche Sprachstufe der Betreuungskraft passt bei neuro-Patienten?

Mindestens A2, besser B1 — bei Aphasie oder kognitiven Einschränkungen ist klare Verständigung besonders wichtig. Mehr dazu in unserem Beitrag Sprachstufen A1 – B1.

Wie finde ich gute neurologische Therapeuten?

Über Hausarzt, Facharzt-Empfehlung, oder über die Patientenverbände: DPV (Deutsche Parkinson-Vereinigung), DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft), DGM (Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke).

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Quellen

Persönliche Beratung — kostenlos

Neurologische Pflege ist anspruchsvoll, aber gut planbar — wenn man früh genug Strukturen schafft. Wir beraten Familien mit Parkinson, MS, ALS und Schlaganfall-Spätfolgen seit über zehn Jahren und kennen die typischen Stolpersteine. Diese Beratung ist kostenfrei, auch wenn Sie sich am Ende gegen eine 24-h-Pflege entscheiden.

Sprechen Sie mit Maria Hoffmann →

Neurologische Erkrankungen verändern das Leben einer Familie tief. Aber sie machen es nicht unmöglich. Wer Therapien, Hilfsmittel und Förderungen kennt und nutzt, kann auch in schweren Verläufen Würde und Lebensqualität erhalten — Jahr für Jahr.

Geschrieben von

Maria Hoffmann

Pflegefachberaterin · Examinierte Altenpflegerin

Examinierte Altenpflegerin mit langjähriger Erfahrung in der ambulanten Pflege — Schwerpunkt Demenz, Mobilität und Alltag mit Pflegebedürftigen.

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