Ein Dekubitus — ein Druckgeschwür — entsteht in wenigen Stunden, heilt aber über Wochen oder Monate. Bei bettlägerigen oder stark bewegungseingeschränkten Pflegebedürftigen ist er eine der häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen in der häuslichen Pflege.
Die gute Nachricht: Etwa 80 % aller Druckgeschwüre sind vermeidbar. Voraussetzung ist, dass die pflegenden Angehörigen die Risiken kennen, die Lagerung beherrschen und Warnzeichen früh erkennen. Dieser Leitfaden zeigt, was Sie zu Hause selbst tun können — und wo Sie spätestens professionelle Hilfe brauchen.
Das Wichtigste in 60 Sekunden
- Dekubitus entsteht durch anhaltenden Druck auf Haut und Weichgewebe — schon nach 2 Stunden möglich
- Hauptrisikogruppen: Bettlägerige, Rollstuhlnutzer, Diabetes- Patienten, Mangelernährte, Inkontinente
- Prävention durch Lagerungswechsel (alle 2 – 3 Stunden), Hautpflege, Ernährung, Mobilisation
- 4 Stadien nach internationaler Klassifikation
- Ab Stadium 2 immer professionelle Wundversorgung — meist über ambulanten Pflegedienst (Behandlungspflege § 37 SGB V)
- Behandlungspflege wird komplett von der Krankenkasse bezahlt — keine Eigenbeteiligung
- Hilfsmittel: Wechseldruckmatratze, Spezialkissen — über Kranken- kasse mit Rezept
„Ich habe es immer wieder gesehen: Eine Tochter pflegt ihre bettlägerige Mutter sehr engagiert, aber niemand hat ihr beigebracht, dass das Steißbein in jeder Schicht kontrolliert gehört. Innerhalb von drei Wochen war ein offenes Druckgeschwür da. Das wäre vermeidbar gewesen — wenn man es weiß.” — Maria Hoffmann, Pflegefachberaterin bei Omelia
1. Was ist ein Dekubitus?
Ein Dekubitus (lateinisch decumbere — „sich niederlegen”) ist eine lokale Schädigung von Haut und darunter liegendem Gewebe durch anhaltenden Druck, Reibung oder Scherkräfte. Das Gewebe wird nicht mehr ausreichend durchblutet, Zellen sterben ab, ein Geschwür entsteht.
Synonyme:
- Druckgeschwür
- Wundliegen
- Bettsyndrom
2. Wo entstehen Druckgeschwüre?
Überall dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegen und Druck einwirkt. Klassische Stellen:
In Rückenlage
- Steißbein und Kreuzbein (häufigste Lokalisation)
- Fersen
- Hinterkopf (bei langer Bettlage)
- Ellbogen
- Schulterblätter
In Seitenlage
- Hüfte (Trochanter)
- Außenseite Knie
- Außenseite Knöchel
- Ohrmuschel
Im Rollstuhl
- Gesäß (Sitzbeinhöcker)
- Steißbein
- Rücken (Wirbelsäulenfortsätze)
3. Wer ist besonders gefährdet?
Die Braden-Skala ist das international gebräuchlichste Bewertungsinstrument. Erhöhtes Risiko haben Menschen mit:
- Reduzierter Mobilität (Bettlägerigkeit, Rollstuhl, Lähmung)
- Sensibilitätsstörungen (Diabetes, Neuropathie, Para- oder Tetraplegie)
- Inkontinenz (feuchte Haut weicht auf)
- Mangelernährung (Eiweißmangel, Vitaminmangel)
- Übergewicht oder starkem Untergewicht
- Schlechter Hautdurchblutung (Diabetes, periphere Verschlusskrankheit)
- Hohem Alter (dünne Haut)
- Bewusstseinseintrübung (kann nicht selbst umlagern)
- Demenz (vergisst zu lagern, spürt Druck weniger)
4. Die 4 Stadien — Erkennen und Bewerten
Das EPUAP/NPIAP-Klassifikationssystem unterscheidet vier Stadien:
Stadium 1 — Hautrötung
- Sichtbar: bleibende Hautrötung, die nicht weggedrückt werden kann
- Fingertest: Auf die Rötung drücken — wenn die Stelle weiß bleibt und sofort wieder rot wird, ist alles in Ordnung. Bleibt sie aber rot trotz Druck, ist es ein Stadium 1.
- Haut intakt, aber bereits geschädigt
- Druck sofort entlasten — dann meist binnen 24 – 48 h Rückgang
Stadium 2 — Hautverlust
- Oberflächlicher Hautverlust (Blasenbildung, abgeschürfte Haut)
- Wundgrund rot oder rosa, feucht
- Schmerzhaft
- Wundversorgung durch Fachperson nötig — ab hier immer Pflegedienst oder Arzt einbeziehen
Stadium 3 — Tiefer Hautverlust
- Tiefe Wunde, Unterhautfettgewebe sichtbar
- Schwarze oder gelbe Beläge möglich (abgestorbenes Gewebe)
- Geruchsbildung
- Heilung dauert Wochen bis Monate
- Komplikationen: Infektion, Sepsis
- Sofort Arzt — meist Wundspezialist hinzuziehen
Stadium 4 — Vollständiger Gewebeverlust
- Knochen, Sehne oder Muskel sichtbar
- Tasche bildet sich unter der Haut
- Hohe Infektionsgefahr
- Lebensbedrohlich: Sepsis, Osteomyelitis
- Stationäre Behandlung häufig nötig
5. Prävention — die 5 Säulen
Säule 1: Lagerungswechsel
- Alle 2 – 3 Stunden im Bett, alle 30 – 60 Minuten im Rollstuhl
- 30°-Schräglage statt 90°-Seitenlage (geringere Druckbelastung)
- Fersen frei lagern (Kissen unter die Wade, Ferse hängt frei)
- Mikrobewegungen durch Hochlagern, leichtes Drehen, Schaffen kleiner Druckwechsel
- Lagerungsplan schriftlich führen — wer hat wann gelagert?
Säule 2: Hautpflege
- Tägliche Inspektion aller Druckstellen (mit Tageslicht!)
- Sanfte Reinigung mit pH-neutraler Lotion
- Trockentupfen statt Reiben
- Hautpflege mit rückfettenden Cremes (W/O-Emulsionen)
- Inkontinenzversorgung: nasse Inkontinenzhosen sofort wechseln, Hautschutzpaste verwenden — siehe Praxis-Leitfaden Inkontinenz-Pflege zu Hause
- Kein Massieren auf rote Stellen — verschlechtert die Mikrozirkulation
Säule 3: Ernährung
- Eiweißreich: mind. 1,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag
- Ausreichend Flüssigkeit (1,5 – 2 L, wenn ärztlich nicht anders verordnet)
- Vitamin C, Zink, Vitamin A: wichtig für Wundheilung
- Bei Mangelernährung: ärztliche Beratung, Trinknahrung (verordnungsfähig)
Mehr zu Ernährung bei Pflegebedürftigen in unserem Beitrag zu Schluckstörungen und Ernährung bei Demenz.
Säule 4: Mobilisation
- So viel wie möglich aktiv mobilisieren — auch wenige Schritte zählen
- Bewegungsübungen passiv bei Bettlägerigkeit (Physiotherapie!)
- Krankengymnastik verordnen lassen — auch bei dauerhaft Bettlägerigen
Säule 5: Hilfsmittel
| Hilfsmittel | Zweck | Zahler |
|---|---|---|
| Wechseldruckmatratze | druckverteilend | Krankenkasse (Rezept) |
| Antidekubitus-Kissen für Rollstuhl | druckverteilend | Krankenkasse |
| Mikrostimulationssystem-Matratze | aktive Bewegung | Krankenkasse |
| Fersenschoner | Fersendruck reduzieren | Krankenkasse |
| Lagerungskissen / -keile | 30°-Lagerung | Pflegekasse (Pflegehilfsmittel) |
Wechseldruckmatratzen sind ab Risikograd Braden ≤ 18 und besonders bei vorhandenem Dekubitus indiziert. Die Verordnung erfolgt durch Hausarzt oder Wundambulanz.
6. Wundversorgung zu Hause
Ab Stadium 2 ist die Wundversorgung Aufgabe von examinierten Pflegefachkräften — typischerweise über einen ambulanten Pflege- dienst im Rahmen der häuslichen Krankenpflege (§ 37 SGB V).
Was Angehörige tun können
- Tägliche Inspektion (Verband nicht selbst öffnen, aber Umgebung beobachten)
- Hygiene-Standards: Hände waschen, Einmalhandschuhe
- Wechseldruck-System richtig bedienen
- Pflegetagebuch mit Wunddokumentation (Foto, Größe, Geruch, Heilungsverlauf)
Was Angehörige NICHT tun sollten
- Verband selbst wechseln — nur durch Fachperson
- „Hausmittel” auf die Wunde (Honig, Zucker, Kamille) — nur nach ärztlicher Anweisung
- Pflaster auf offene Wunden — falsche Heilungsumgebung
Behandlungspflege beantragen
Die häusliche Krankenpflege ist vollständig krankenkassen-finanziert:
- Verordnung durch Hausarzt (Formular 12)
- Genehmigung durch Krankenkasse (in der Regel ohne Probleme)
- Pflegedienst kommt 1× bis mehrfach täglich
- Eigenanteil: 10 % der Kosten + 10 €/Verordnung (max. 28 Tage/Jahr, gilt für gesetzlich Versicherte unter 18 ist befreit)
24-h-Betreuungskräfte dürfen keine Behandlungspflege durchführen. Sie ergänzen sich aber gut mit ambulanten Pflegediensten — die 24-h-Kraft sorgt für Grundpflege, Mobilisation und Lagerungswechsel, der Pflegedienst für die professionelle Wundversorgung.
7. Wann sofort zum Arzt?
Sofortige ärztliche Vorstellung bei:
- Neuer offener Stelle an typischer Druckstelle
- Eitriger oder übel riechender Wunde
- Roter, geschwollener Umgebung der Wunde (Infektion!)
- Fieber über 38,5 °C
- Schmerzen trotz Schmerztherapie
- Wundgrund schwarz (Nekrose)
- Vergrößerung der Wunde trotz Versorgung
Notruf 112 bei: hohem Fieber mit Schüttelfrost, Verwirrtheit, Atemnot, deutlicher Bewusstseinstrübung — Verdacht auf Sepsis durch infizierten Dekubitus.
8. Was bezahlen Pflegekasse und Krankenkasse?
| Leistung | Wer zahlt |
|---|---|
| Wechseldruckmatratze, Antidekubitus-Kissen | Krankenkasse (Rezept) |
| Pflegebett mit Aufrichthilfe | Krankenkasse (Rezept) |
| Wundauflagen, Verbandmaterial | Krankenkasse (Verordnung) |
| Lagerungskissen, Inkontinenzmaterial, Einmalhandschuhe | Pflegekasse (42 €/Monat) |
| Häusliche Krankenpflege (Verbandwechsel) | Krankenkasse (§ 37 SGB V) |
| Wohnumfeldanpassung (z. B. höhenverstellbares Bett ohne Krankheits-Indikation) | Pflegekasse (4.180 € einmalig) |
Mehr zu den Leistungen in unserer Pflegekassen-Übersicht 2026.
9. 24-Stunden-Pflege bei Dekubitus-Risiko
Wenn die Pflegebedürftigkeit so weit fortgeschritten ist, dass eine Bettlägerigkeit absehbar ist oder schon besteht, ist eine 24-h-Pflege oft die richtige Lösung:
- Konsequente Lagerungswechsel rund um die Uhr
- Hautinspektion bei jeder Pflege
- Schnelle Inkontinenzversorgung
- Mobilisation in den Sitz, wann immer möglich
- Frühe Reaktion auf Stadium-1-Rötungen
Die 24-h-Kraft ist dabei kein Ersatz für den Pflegedienst ab Stadium 2 — beide Systeme arbeiten zusammen. Mehr dazu in unserem Beitrag 24-Stunden-Betreuung: Was bedeutet das wirklich.
Eine Kostenschätzung für Ihre Situation erstellt der Kostenrechner. Welche Förderungen Sie in Anspruch nehmen können, prüft der Förderungs-Check.
10. Häufige Fragen
Wie oft sollte umgelagert werden?
Standard: alle 2 – 3 Stunden. Bei dünner Haut, vorhandenem Dekubitus oder hoher Gefährdung alle 1 – 2 Stunden. Im Rollstuhl deutlich häufiger.
Hilft eine teure Matratze allein?
Nein. Eine gute Antidekubitus-Matratze senkt das Risiko, ersetzt aber niemals den Lagerungswechsel. Wer sich allein auf die Technik verlässt, riskiert.
Was tun, wenn die Pflegeperson nicht umlagern lässt (Demenz, Schmerz)?
Schmerzursachen ärztlich abklären lassen. Lagerung kann auch in kleinen Schritten und unter Validation versucht werden — siehe unser Beitrag Validation bei Demenz.
Welche Cremes helfen bei Stadium 1?
Bei Stadium 1: keine spezielle Wundbehandlung, sondern Druckentlastung und Hautpflege mit rückfettender Lotion. Niemals massieren.
Sind Honig-Auflagen sinnvoll?
Medizinischer Honig (z. B. Manuka) wird in der modernen Wundversorgung gezielt eingesetzt — aber nur unter fachlicher Anleitung. Nicht selbst auf eigene Faust auflegen.
Was ist mit Fett-Feucht-Verbänden?
Veraltet. Heute gilt feuchte Wundheilung mit modernen Wundauflagen (Hydrokolloid, Schaumstoff, Alginat) als Standard.
Wer dokumentiert die Wunde?
Der ambulante Pflegedienst — mit Fotos und Wundprotokoll. Auch Angehörige können dazu beitragen (z. B. wöchentliches Foto mit Maßband daneben).
Wie lange dauert die Heilung?
- Stadium 1: 24 – 72 Stunden bei sofortiger Entlastung
- Stadium 2: 1 – 6 Wochen
- Stadium 3: 2 – 6 Monate
- Stadium 4: bis zu 12 Monate, bei Komplikationen länger oder nicht heilend
Wo Sie als Nächstes weiterlesen
- Pflege nach Schlaganfall
- Neurologische Pflege zu Hause — der Leitfaden
- Sturzprävention zu Hause — 47-Punkte-Checkliste
- Pflegehilfsmittel 42 € pro Monat
- Wohnumfeldverbesserung 4.180 €
- Pflegekassen-Leistungen 2026 — Übersicht
Quellen
- Expertenstandard Dekubitusprophylaxe — Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (dnqp.de/expertenstandards)
- EPUAP / NPIAP — International Guideline for Prevention and Treatment of Pressure Ulcers (epuap.org)
- § 37 SGB V — Häusliche Krankenpflege (gesetze-im-internet.de/sgb_5/__37.html)
- § 40 SGB XI — Pflegehilfsmittel und wohnumfeldverbessernde Maßnahmen (gesetze-im-internet.de/sgb_11/__40.html)
- Bundesgesundheitsministerium — häusliche Krankenpflege (bundesgesundheitsministerium.de)
- AOK Pflegenavigator — Dekubitus-Versorgung (aok.de)
Wenn Sie unsicher sind
Wundversorgung gehört in professionelle Hände — aber die tägliche Prävention liegt bei der Pflegeperson zu Hause. Wir beraten Sie kostenfrei, ob 24-h-Pflege in Ihrem Fall sinnvoll ist und wie Sie Pflegedienst und Betreuungskraft sinnvoll kombinieren können.
Sprechen Sie mit Maria Hoffmann →
Dekubitus ist die Krankheit, die am häufigsten durch gute Pflege verhindert wird — und die am ehesten zur Tragödie wird, wenn man sie übersieht. Wer die fünf Säulen der Prävention konsequent umsetzt, bewahrt seinen Angehörigen viel Leid.