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Neurologische & Spezielle Pflege 14 Min. Lesezeit

Sturzprävention zu Hause: 47-Punkte-Checkliste für Senioren-Wohnung

Sturzprävention zu Hause 2026: 47-Punkte-Checkliste für Wohnung, Bad, Schlafzimmer. Hilfsmittel, Förderungen, Wohnumfeldverbesserung. Praxis-Leitfaden.

In Deutschland stürzen jährlich rund 1 Million Senioren zu Hause — fast jeder dritte über 65, fast jeder zweite über 80. Ein einziger Sturz kann eine ganze Pflegekarriere auslösen: Oberschenkelhals-Bruch, Klinik, Reha — und am Ende oft das Pflegeheim.

Die gute Nachricht: Etwa 60 % aller Stürze zu Hause sind vermeidbar. Mit einer systematischen Wohnungs-Begehung, klugen Hilfsmitteln und einer Wohnumfeldverbesserung über die Pflegekasse (bis 4.180 € einmalig) lässt sich das Risiko massiv senken.

Diese 47-Punkte-Checkliste ist nichts theoretisches — sie ist das Ergebnis von zwanzig Jahren Pflegepraxis und Tausenden von Hausbesuchen. Gehen Sie sie Raum für Raum mit Ihren Eltern durch. Was unter „Risiko” fällt, gehört auf die To-Do-Liste — am besten noch diese Woche.

Worauf es ankommt

  • Jeder dritte über 65, jeder zweite über 80 stürzt jährlich zu Hause
  • Hüftgelenk-Brüche in 30 % der Fälle Auslöser für dauerhafte Pflegebedürftigkeit
  • 60 % aller Stürze vermeidbar durch Wohnraumanpassung + Hilfsmittel + Bewegungstraining
  • Pflegekasse zahlt bis 4.180 € einmalig für Wohnumfeldverbesserung (ab PG 1)
  • Hilfsmittel wie Rollator, Haltegriffe, Hausnotruf: über Kranken- oder Pflegekasse
  • Bewegungstraining in jeder Altersstufe sinnvoll — Sturzgefahr sinkt um 30 – 40 %

„Ich war vor drei Wochen bei einer 88-jährigen Witwe in München — die einen Teppich vor der Schlafzimmertür hatte, an dem sie zweimal gestolpert war. Beim ersten Mal Prellung, beim zweiten Mal Oberschenkelhals-Bruch. Der Teppich kostete 12 € — die Klinik plus Reha 28.000 €. So sehen vermeidbare Stürze aus.” — Maria Hoffmann, Pflegefachberaterin bei Omelia

1. Warum Senioren stürzen — die wichtigsten Risikofaktoren

Persönliche Faktoren

  • Muskelschwäche (Sarkopenie) — größter Einzelfaktor
  • Sehstörungen (Grauer Star, Makula-Degeneration)
  • Innenohr-Probleme (Schwindel)
  • Medikamente (Schlafmittel, Blutdrucksenker, Diuretika)
  • Neurologische Erkrankungen (Parkinson, MS, Schlaganfall, Demenz)
  • Inkontinenz (eilig zur Toilette)
  • Diabetes (Polyneuropathie)
  • Niedriger Blutdruck beim Aufstehen (orthostatische Hypotonie)

Wohnungsfaktoren

  • Teppiche, Läufer, Kabel
  • Schlechte Beleuchtung
  • Hohe Türschwellen
  • Glatte Böden (Parkett, Fliesen)
  • Fehlende Haltegriffe in Bad/WC
  • Hochbett ohne Aufstehhilfe
  • Unzugängliche Schalter

Verhaltensfaktoren

  • Nachts ohne Licht aufstehen
  • Falsches Schuhwerk (Hausschlappen, glatte Sohlen)
  • Hetze (Telefon klingelt, Tür)
  • Trinken vergessen (Exsikkose, Schwindel)

2. Die 47-Punkte-Checkliste — Raum für Raum

Drucken Sie diese Liste aus und gehen Sie sie mit Ihren Eltern oder dem zu Pflegenden persönlich durch. Was mit „nein” beantwortet wird, gehört auf die Liste.

Eingangsbereich (5 Punkte)

  1. Ist die Hausnummer auch nachts gut lesbar? (Notfall!)
  2. Ist die Eingangstreppe mit Handlauf beidseits ausgestattet?
  3. Ist die Treppe rutschfest (Streifen, Anti-Rutsch-Folie)?
  4. Liegt vor der Tür eine flache Fußmatte ohne Stolperkante?
  5. Ist die Außenbeleuchtung automatisch (Bewegungsmelder)?

Flur (6 Punkte)

  1. Ist der Flur frei von Teppichen / Läufern?
  2. Sind alle Kabel unter Kabelkanälen oder seitlich verlegt?
  3. Sind Lichtschalter beim Eintreten direkt erreichbar?
  4. Sind Möbel mit scharfen Ecken entfernt oder gepolstert?
  5. Ist die Garderobe in Greifhöhe (kein Hochrecken)?
  6. Sind Schwellen zu Räumen entfernt oder maximal 2 cm flach?

Wohnzimmer (6 Punkte)

  1. Ist der Lieblings-Sessel hoch genug (Aufstehen ohne Hilfe)?
  2. Sind Beistelltische standsicher (nicht zum Festhalten geeignet = falsch)?
  3. Liegt der Fernseher in Sehrichtung (kein Nackenkippen)?
  4. Sind Lampen mit Schalter am Sessel erreichbar?
  5. Sind alle Kabel zu Lampen/TV befestigt?
  6. Liegen Teppiche mit Anti-Rutsch-Unterlage? Oder besser entfernt?

Schlafzimmer (6 Punkte)

  1. Hat das Bett die richtige Höhe (Knie 90°, beim Sitzen Boden- kontakt)?
  2. Ist ein Nachttischlicht direkt erreichbar?
  3. Ist der Weg zur Toilette beleuchtet (Bewegungsmelder oder Dauer-Nachtlicht)?
  4. Ist der Boden zwischen Bett und WC frei (keine Teppiche!)?
  5. Ist ein Hilferuf-System (Hausnotruf, Telefon) im Bett-Reichweite?
  6. Ist genug Platz für Rollator am Bett (mind. 60 cm)?

Badezimmer (8 Punkte)

  1. Gibt es Haltegriffe an WC, Dusche, Badewanne?
  2. Ist die Dusche ebenerdig oder mit niedriger Schwelle?
  3. Liegen rutschfeste Matten in Dusche und vor dem WC?
  4. Ist ein Duschhocker / Duschstuhl vorhanden?
  5. Ist das WC erhöht (Sitzerhöhung, mind. 48 cm Sitzhöhe)?
  6. Ist die Beleuchtung im Bad ausreichend (300 Lux)?
  7. Sind Toilettenpapier, Seife, Handtücher in Greifhöhe?
  8. Ist eine Notrufmöglichkeit im Bad vorhanden?

Küche (5 Punkte)

  1. Sind Alltagsdinge in Greifhöhe (kein Hochrecken auf Hocker)?
  2. Ist eine stabile Sitzgelegenheit vorhanden (z. B. Hocker am Tisch)?
  3. Sind schwere Geräte (Mixer, Kessel) gesichert?
  4. Ist der Boden trocken (Sofortwisch-Tuch in Reichweite)?
  5. Ist die Beleuchtung über Arbeitsfläche ausreichend?

Treppe (5 Punkte)

  1. Sind Handläufe beidseits?
  2. Sind Stufen optisch markiert (Kantenstreifen)?
  3. Ist die Treppenbeleuchtung mit Bewegungsmelder?
  4. Sind Stufen rutschfest (keine glatten Fliesen, ggf. Anti-Rutsch-Streifen)?
  5. Ist ein Treppenlift sinnvoll (bei Mobilitätseinschränkung)?

Allgemein (6 Punkte)

  1. Trägt die Person festes Schuhwerk auch in der Wohnung?
  2. Sind regelmäßige Sehtest und Hörtest gemacht?
  3. Sind die Medikamente mit dem Hausarzt auf Sturz-Risiko geprüft?
  4. Wird regelmäßig Bewegung / Sturzprophylaxe-Training gemacht?
  5. Ist ein Hausnotruf-System installiert?
  6. Wissen alle wo wichtige Telefonnummern stehen (Hausarzt, Angehörige, Notruf)?

3. Wer zahlt was — die Fördermöglichkeiten

Wohnumfeldverbesserung nach § 40 SGB XI

Bis zu 4.180 € einmalig pro Maßnahme für anerkannte Umbauten — ab Pflegegrad 1:

  • Treppenlift
  • Türverbreiterung
  • Badumbau (ebenerdige Dusche, Haltegriffe, WC-Erhöhung)
  • Rampe statt Stufe
  • Höhenverstellbares Bett
  • Lichtsystem im ganzen Haus

Mehr in unserem Beitrag Wohnumfeldverbesserung 4.180 €.

Wichtig: Antrag vor Beginn der Arbeiten stellen. Bei mehreren voneinander unabhängigen Maßnahmen ist auch mehrfacher Anspruch möglich.

Pflegehilfsmittel (Verbrauch) — 42 € pro Monat

Für Verbrauchsartikel wie Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Inkontinenz-Material — auch Sturz-relevant (z. B. Bett-Unterlagen). Mehr: Pflegehilfsmittel 42 €.

Krankenkasse (technische Hilfsmittel)

Über Rezept:

  • Rollator (Hilfsmittel-Nummer)
  • Rollstuhl
  • Hausnotruf (bei medizinischer Indikation oft Zuschuss)
  • Brille, Hörgerät (Festbeträge + ggf. Eigenanteil)
  • Pflegebett mit Aufrichthilfe

Eigene Investitionen (nicht erstattungsfähig)

  • Anti-Rutsch-Matten
  • Helle Glühbirnen
  • Nachtlichter mit Bewegungsmelder
  • Stolperfreie Schuhe
  • Anti-Rutsch-Socken

Diese Investitionen kosten wenig und wirken sofort.

4. Bewegungstraining — der unterschätzte Schutz

Studien zeigen: Regelmäßiges Krafttraining + Gleichgewichtsübungen senken das Sturzrisiko um 30 – 40 %. Empfehlung:

Standard-Programme

  • Sturzprophylaxe-Kurse über VHS, Vereine, Krankenkassen-Programme (z. B. Otago-Übungen)
  • Sturzpräventions-Bonusprogramme über die AOK
  • Physiotherapie mit Schwerpunkt Sturzprävention (Hausarzt- Verordnung)
  • Tai Chi — wissenschaftlich nachgewiesen wirksam
  • Reha-Sport über Hausarzt

Tägliche Mini-Übungen

  • Aufstehen vom Stuhl ohne Festhalten (10× am Tag)
  • Einbeinstand an der Wand (jeweils 30 Sekunden)
  • Hacken-Zehen-Gang (10 Schritte)
  • Treppensteigen so lange wie möglich

5. Medikamenten-Check — der oft vergessene Hebel

Viele Stürze sind medikamenten-induziert. Hochrisiko-Substanzen:

  • Benzodiazepine (Diazepam, Lorazepam, Bromazepam)
  • Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon)
  • Blutdrucksenker (besonders bei Erst-Einstellung)
  • Diuretika (häufiges Wasserlassen, Schwindel)
  • Antidepressiva (Trizyklika, manche SSRI)
  • Opioide
  • Antihistaminika der 1. Generation

Empfehlung: Einmal jährlich Medikamentenplan mit Hausarzt durchgehen mit konkreter Frage „Welche Medikamente erhöhen die Sturzgefahr und können wir reduzieren?“

6. Hausnotruf — sinnvoll oder Geldschneiderei?

Hausnotruf-Systeme (z. B. der Hausnotrufdienst von DRK, ASB, Johanniter, Malteser) kosten monatlich 25 – 45 €.

Ab Pflegegrad 1 zahlt die Pflegekasse einen Zuschuss von bis zu 27 €/Monat als technisches Pflegehilfsmittel — Anschluss- Pauschale meist auch erstattungsfähig.

Sinnvoll, wenn:

  • Person lebt allein
  • Person ist mobilitätseingeschränkt oder
  • hat wiederkehrende Schwindelanfälle
  • ist dement und kann Notruf bedienen
  • möglicherweise mit automatischem Sturzsensor (Premium-Variante)

7. Wann ist 24-Stunden-Pflege bei Sturzgefahr sinnvoll?

Eine 24-h-Pflege ist die zuverlässigste Form der Sturzprävention bei hoher Gefährdung:

  • Sofortige Hilfe beim Sturz (keine Stunden auf dem Boden)
  • Begleitung bei jedem Aufstehen, gerade nachts
  • Konstante Beobachtung der Schwankungen
  • Sturz-Tagebuch als Grundlage für ärztliche Anpassungen

Wann besonders sinnvoll:

  • Nach erstem Sturz mit Verletzung
  • Bei Parkinson, MS, fortgeschrittener Demenz
  • Bei Bettlägerigkeit nach Sturz und beginnender Mobilisation
  • Bei Alleinlebenden mit mehrfachen Schwindelanfällen

Mehr zur 24-h-Pflege im 24-Stunden-Betreuungs-Leitfaden. Konkrete Kosten: Kostenrechner. Welche Förderungen Sie nutzen können: Förderungs-Check.

„Ein 84-jähriger Witwer aus Hannover hatte sich monatelang gegen Hilfe gewehrt. Nach dem dritten Sturz innerhalb von zwei Wochen — er lag jedes Mal stundenlang auf dem Boden, bis ein Nachbar kam — hat seine Tochter zusammen mit ihm entschieden: ‚Wir holen eine 24-h-Kraft. Ich will dich nicht beerdigen, weil du nicht aufstehen kannst.’ Heute lebt er noch — fünf Jahre später.” — Maria Hoffmann

8. Nach dem Sturz — die ersten 48 Stunden

Wenn doch ein Sturz passiert ist:

Wenn die Person noch liegt

  • Notruf 112 bei Bewusstseinstrübung, starken Schmerzen, sichtbaren Verletzungen, Verdacht auf Bruch
  • Nicht bewegen, wenn HWS / Rücken verletzt sein könnten
  • Wärmedecke auflegen
  • Bei klarem Bewusstsein: ruhig sprechen, mit Hilfe aufstehen lassen

Nach dem Aufstehen

  • Hausarzt-Termin innerhalb von 24 – 48 h — auch wenn nichts „passiert” zu sein scheint
  • Verletzungen dokumentieren (Fotos, Pflegetagebuch)
  • Ursache prüfen: Stolperfalle? Schwindel? Medikament?
  • Sturzprophylaxe umsetzen — Räumlichkeiten, Hilfsmittel, Bewegung

Wann ins Krankenhaus?

  • Verdacht auf Bruch (Hüfte, Handgelenk, Schädel)
  • Bewusstseinsverlust
  • Anhaltende Schmerzen
  • Neurologische Auffälligkeiten (Sprache, Sehen, Lähmung)
  • Blutverdünner-Einnahme + Sturz mit Kopfanprall (Blutung!)

9. Häufige Fragen

Wie schnell ist eine Wohnumfeldverbesserung bewilligt?

Pflegekasse muss innerhalb von 25 Arbeitstagen entscheiden. In der Regel 3 – 5 Wochen.

Muss ich mit Eigenanteil rechnen?

Nur, wenn die Kosten 4.180 € überschreiten. Die ersten 4.180 € sind voll erstattet.

Bekomme ich für jeden Umbau einmalig 4.180 €?

Pro Maßnahme ja, wenn sie sich grundlegend voneinander unterscheidet (z. B. Badumbau + Treppenlift = zwei Maßnahmen).

Was ist mit Mietwohnungen?

Funktioniert auch — Vermieter-Zustimmung nötig. Bei nicht-rückbau- fähigen Maßnahmen oft Verhandlungen, aber lösbar.

Lohnt sich ein Treppenlift?

Bei einstöckigen Häusern: ja, häufig. Kosten 4.000 – 10.000 € — abzüglich Pflegekassen-Zuschuss von 4.180 € bleibt überschaubar.

Wer hilft beim Antrag?

Die Pflegekasse Ihrer Krankenversicherung, ein Pflegestützpunkt, oder spezialisierte Beratungsstellen wie BAGSO oder kommunale Wohnberatungsstellen.

Hausnotruf ja oder nein?

Bei alleinlebenden Senioren mit Sturzgefahr fast immer ja. Auch psychologische Sicherheit.

Kann ich selbst Haltegriffe montieren?

Ja, aber Profi sicherer — bei Pflegekassen-Förderung ohnehin meist Handwerker-Rechnung nötig.

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Quellen

Persönliche Beratung — kostenlos

Sturzprävention ist die wirkungsvollste Investition in den Verbleib zu Hause — und sie kostet meistens weniger, als man denkt. Wir beraten Sie kostenfrei, welche Maßnahmen für Ihre Situation am sinnvollsten sind, welche Förderungen Ihnen zustehen und ob eine 24-Stunden-Pflege zusätzlich Sinn macht.

Sprechen Sie mit Maria Hoffmann →

Ein gut umgebautes Zuhause schenkt einem Senior Jahre — manchmal Jahrzehnte. Wer früh handelt, vermeidet die Tragödie, die mit jedem einzelnen Sturz beginnen kann.

Geschrieben von

Maria Hoffmann

Pflegefachberaterin · Examinierte Altenpflegerin

Examinierte Altenpflegerin mit langjähriger Erfahrung in der ambulanten Pflege — Schwerpunkt Demenz, Mobilität und Alltag mit Pflegebedürftigen.

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