Ihr Mann lebt seit vielen Jahren mit Multipler Sklerose. Inzwischen sitzt er im Rollstuhl oder liegt viel, die Beine sind steif, das Schlucken fällt schwerer. Die Pflege ist intensiver geworden, und Sie fragen sich, worauf Sie jetzt achten müssen und wer Ihnen hilft.
Dieser Ratgeber beschreibt, was bei fortgeschrittener MS im Vordergrund steht: Spastik, Schlucken, Blase, Haut, Stimmung und die Frage nach palliativer Begleitung. Grundlage ist die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Was im früheren Verlauf wichtig ist, steht im Beitrag MS zu Hause pflegen: Alltag und Schübe.
Das Wichtigste in Kürze
- Schlucken: Schluckstörungen nehmen mit Dauer und Schwere der MS zu, Verschlucken kann still verlaufen.
- Infekte können Beschwerden verstärken und einen Schub vortäuschen.
- Haut: Wer viel liegt oder sitzt, braucht Schutz vor Druckgeschwüren.
- Stimmung: Das Risiko einer schweren Depression liegt bei bis zu 60 Prozent.
- Palliativversorgung ist laut Leitlinie auch sinnvoll, wenn das Lebensende nicht absehbar ist.
Was sich im Spätstadium verändert
Bei fortgeschrittener MS stehen laut Leitlinie oft Spastik und Lähmungen, Schluck- und Sprechstörungen, starke Schmerzen und Depression im Vordergrund. Viele Betroffene sind auf einen Rollstuhl angewiesen und brauchen bei der Körperpflege, beim Essen und beim Umlagern Hilfe.

Auch das Denken kann betroffen sein. Laut Leitlinie haben bis zu zwei Drittel der Menschen mit MS Einschränkungen bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Planen, die über Jahre zunehmen können. Das ist meist kein allgemeiner geistiger Abbau. Viele Betroffene verstehen weiterhin sehr gut, was um sie herum geschieht, auch wenn Sprechen oder Bewegung schwerfallen. Sprechen Sie mit Ihrem Mann, nicht über ihn, und beziehen Sie ihn in Entscheidungen ein, so weit es geht. Fragen Sie, was ihm wichtig ist, etwa bei der Tagesgestaltung, beim Essen oder bei der Frage, wer ihn pflegt.
Spastik und Beweglichkeit
Spastik heißt, dass Muskeln unwillkürlich angespannt und steif sind. Sie kann schmerzen, das Umlagern erschweren und auf Dauer zu Versteifungen der Gelenke führen.
- Physiotherapie hilft, Beweglichkeit zu erhalten. Bei MS kann sie regelmäßig verordnet werden, weil die Erkrankung auf der Liste für besonderen Verordnungsbedarf der Kassenärztlichen Bundesvereinigung steht.
- Bewegen im Alltag: Lassen Sie sich von der Physiotherapeutin zeigen, wie Sie Arme und Beine schonend durchbewegen und wie Sie lagern.
- Medikamente gegen Spastik verordnet die Neurologin.
- Überhitzung meiden: Wärme kann bei MS Erschöpfung und andere Beschwerden verstärken. Bei Taubheitsgefühlen keine Wärmflaschen oder Heizkissen direkt auf die Haut.
Schlucken und Essen
Schluckstörungen nehmen laut Leitlinie mit dem Schweregrad und der Dauer der MS zu. Sie können zu Flüssigkeitsmangel, Mangelernährung und Aspiration führen, also zum Einatmen von Speisen, bis hin zur lebensbedrohlichen Lungenentzündung. Das Verschlucken kann auch still verlaufen, ohne Husten.

Laut Leitlinie bemerken Betroffene leichte Schluckstörungen oft nicht und sollten gezielt danach gefragt werden. Achten Sie auf Verschlucken, eine feuchte Stimme und vermehrten Speichel. Schlucktherapie bei einer Logopädin kann ebenfalls regelmäßig verordnet werden. Was beim Essen hilft und was im Notfall zu tun ist, steht im Beitrag Schluckstörungen im Alter.
Blase und Infekte
Blasenstörungen sind bei MS häufig. Sie führen zu Harndrang, Inkontinenz oder Restharn. Ein Infekt der Harnwege kann die MS-Beschwerden vorübergehend verstärken und einen Schub vortäuschen. Deshalb verlangt die Leitlinie, vor einer Schubtherapie einen Infekt auszuschließen. Verschlechtert sich Ihr Mann plötzlich, denken Sie auch an einen Harnwegsinfekt und lassen Sie das ärztlich abklären. Mehr dazu im Beitrag Harnwegsinfekt bei Senioren.
Haut schützen
Wer viel liegt oder im Rollstuhl sitzt, ist durch Druckgeschwüre gefährdet, den Dekubitus. Für die Vorbeugung gibt es einen nationalen Expertenstandard des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Wichtig sind regelmäßige Positionswechsel, druckverteilende Hilfsmittel wie spezielle Matratzen oder Sitzkissen und ein täglicher Blick auf gefährdete Stellen wie Steiß, Fersen und Hüften. Lassen Sie sich vom Pflegedienst zeigen, wie Sie lagern. Rötungen, die nach dem Entlasten nicht verblassen, sind ein Warnzeichen und gehören sofort zum Pflegedienst oder in die Hausarztpraxis. Mehr im Beitrag Wundversorgung und Dekubitus zu Hause.
Stimmung und seelische Belastung
Die Wahrscheinlichkeit einer schweren Depression liegt bei MS laut Leitlinie bei bis zu 60 Prozent. Die Leitlinie nennt auch ein erhöhtes Suizidrisiko, unter anderem wenn die Beweglichkeit zunehmend eingeschränkt ist. Nehmen Sie Äußerungen von Hoffnungslosigkeit ernst und sprechen Sie mit der Neurologin oder der Hausarztpraxis. Depression ist behandelbar.
Wenn Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Mann sich etwas antun könnte, erreichen Sie die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111. In akuter Gefahr rufen Sie die 112.
Palliative Begleitung
Palliativversorgung heißt nicht, dass das Sterben unmittelbar bevorsteht. Die Leitlinie betont: Sie ist bei MS auch angezeigt, wenn das Lebensende nicht absehbar ist, und nicht erst in der Sterbephase. Sie hilft bei Schmerzen, Spastik, Schluck- und Sprechproblemen und bei seelischer Belastung. Die Leitlinie empfiehlt, den weiteren Verlauf früh und regelmäßig mit der Familie zu besprechen und Vorsorgedokumente wie eine Patientenverfügung rechtzeitig zu erstellen.

Ist die Versorgung zu Hause besonders aufwändig, kann der Arzt eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung verordnen, kurz SAPV, nach § 37b Sozialgesetzbuch V. Mehr dazu im Beitrag SAPV erklärt und zur Vorsorge in Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
Verständigung, wenn Sprechen schwerfällt
Bei fortgeschrittener MS können Sprechstörungen hinzukommen. Das kann frustrierend sein, für Ihren Mann und für Sie. Einige Hilfen für den Alltag:
- Zeit lassen: Warten Sie, bis er ausgesprochen hat, und vollenden Sie seine Sätze nicht ungefragt.
- Ja-Nein-Fragen: Stellen Sie Fragen so, dass er mit einem Wort, einem Nicken oder einem Handzeichen antworten kann.
- Hilfsmittel: Buchstabentafeln oder Sprachausgabegeräte können helfen. Eine Logopädin berät dazu.
- Ruhige Umgebung: Fernseher aus, eine Sache nach der anderen.
Weil Aufmerksamkeit und Gedächtnis eingeschränkt sein können, helfen feste Tagesabläufe, Notizen und ein gut sichtbarer Kalender.
Schmerzen ernst nehmen
Starke Schmerzen gehören laut Leitlinie zu den häufigen Beschwerden bei fortgeschrittener MS. Sie können von der Spastik, von Nervenschäden oder vom langen Sitzen und Liegen kommen. Wer nicht mehr gut sprechen kann, zeigt Schmerzen oft anders: durch Unruhe, Stöhnen, Abwehr beim Umlagern oder ein verändertes Gesicht. Notieren Sie, wann Ihr Mann Schmerzen zeigt, und sprechen Sie mit der Neurologin oder dem Palliativteam. Schmerzen lassen sich in vielen Fällen gut lindern.
Leistungen der Pflegekasse
Bei fortgeschrittener MS ist der Hilfebedarf oft hoch. Der Pflegegrad richtet sich nicht nach der Diagnose, sondern nach der Selbständigkeit im Alltag, die der Medizinische Dienst begutachtet. Laut Bundesgesundheitsministerium stehen Ihnen unter anderem der Entlastungsbetrag von 131 € im Monat, der Gemeinsame Jahresbetrag von bis zu 3.539 € für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege und bis zu 4.180 € je Maßnahme für die Wohnungsanpassung zu. Steigt der Hilfebedarf, kann ein Antrag auf einen höheren Pflegegrad sinnvoll sein.
Ein Pflegetag mit fester Struktur
Feste Abläufe geben Sicherheit und sparen Kraft, für Ihren Mann und für Sie. Ein Beispiel, wie ein Tag aussehen kann:
- Morgens: Haut an Steiß, Fersen und Hüften ansehen, Körperpflege, Mundpflege, Lagerung oder Transfer in den Rollstuhl.
- Mahlzeiten: aufrecht sitzen, in Ruhe essen, auf Zeichen von Verschlucken achten.
- Über den Tag: Positionswechsel einplanen, ausreichend trinken, die Räume nicht überhitzen.
- Therapien: Physio- oder Logopädie-Termine in die Zeit legen, in der er am meisten Kraft hat.
- Abends: Haut erneut ansehen, Lagerung für die Nacht, Medikamente nach Plan.
Schreiben Sie den Ablauf auf. So können auch Vertretungen, ein Pflegedienst oder eine Betreuungskraft ohne lange Einarbeitung übernehmen.
Hilfsmittel und Entlastung
Rollstuhl, Pflegebett, Lifter und Duschhilfen werden von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen, teils auf ärztliche Verordnung, teils auf Antrag bei der Pflegekasse. Wie der Antrag gelingt, steht im Beitrag Hilfsmittel beantragen.
Die Pflege bei fortgeschrittener MS ist körperlich und seelisch anstrengend, oft über Jahre. Eine Betreuungskraft im Haushalt kann bei der Grundpflege, beim Essen und beim Umlagern helfen und Ihnen Pausen verschaffen. Ein Pflegedienst übernimmt medizinische Aufgaben wie Wundversorgung oder Katheterpflege.
Häufige Fragen
Was ist bei MS im Spätstadium am wichtigsten?
Laut Leitlinie stehen oft Spastik, Lähmungen, Schluck- und Sprechstörungen, Schmerzen und Depression im Vordergrund. Haut, Blase und Schlucken brauchen besondere Aufmerksamkeit.
Ist der Verstand bei MS klar?
Oft weitgehend, aber nicht immer. Bis zu zwei Drittel der Betroffenen haben Einschränkungen bei Aufmerksamkeit oder Gedächtnis, meist ohne allgemeinen geistigen Abbau.
Kann ein Harnwegsinfekt einen Schub vortäuschen?
Ja. Ein Harnwegsinfekt kann die MS-Beschwerden verstärken und einen Schub vortäuschen. Deshalb wird vor einer Schubtherapie ein Infekt ausgeschlossen.
Wann ist Palliativversorgung bei MS sinnvoll?
Laut Leitlinie nicht erst in der Sterbephase, sondern auch, wenn das Lebensende nicht absehbar ist, etwa bei starken Schmerzen, Spastik oder Schluckproblemen.
Wo bekomme ich Hilfe, wenn mein Mann keinen Sinn mehr sieht?
Sprechen Sie mit der Neurologin oder der Hausarztpraxis, Depression ist behandelbar. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar. In akuter Gefahr rufen Sie die 112.
Bekommt mein Mann regelmäßig Physiotherapie?
Ja, das ist möglich: MS steht auf der Liste für besonderen Verordnungsbedarf. Physio-, Ergo- und Schlucktherapie können regelmäßig verordnet werden.
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Wo Sie weiterlesen
- MS zu Hause pflegen: Alltag und Schübe
- Schluckstörungen im Alter
- Wundversorgung und Dekubitus
- SAPV erklärt
- Hilfsmittel beantragen
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: S2k-Leitlinie Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose (AWMF 030/050), Version 7.1, 2023 (dgn.org)
- Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (dmsg.de)
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Diagnoseliste besonderer Verordnungsbedarf (kbv.de)
- Bundesministerium für Gesundheit: Online-Ratgeber Pflege (bundesgesundheitsministerium.de)
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Heilmittel-Richtlinie (g-ba.de)
- § 37b Sozialgesetzbuch V (gesetze-im-internet.de)
- DNQP: Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege (dnqp.de)
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Stand: Oktober 2026.