Bevor der Medizinische Dienst (MD) zur Begutachtung kommt, fragen sich viele Familien dasselbe: Welcher Pflegegrad ist überhaupt realistisch? Die gute Nachricht — Sie müssen darauf nicht blind warten. Seit der Pflegereform 2017 wird der Pflegegrad mit einem klaren, nachvollziehbaren Punktesystem ermittelt: dem Neuen Begutachtungsassessment (NBA). Es besteht aus sechs Modulen, jedes mit einer festen Gewichtung, und am Ende steht ein Gesamtpunktwert zwischen 0 und 100.
Wer diese Logik versteht, kann sich selbst eine Einschätzung erarbeiten — und damit deutlich besser in den MD-Termin gehen: man weiß, worauf es ankommt, dokumentiert die richtigen Dinge und erlebt am Begutachtungstag keine bösen Überraschungen. Wichtig vorweg: Eine Selbsteinschätzung ist immer eine Annäherung, kein Bescheid. Den Pflegegrad stellt am Ende ausschließlich der MD (bzw. bei Privatversicherten Medicproof) fest. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie das Punktesystem funktioniert und wie Sie es für Ihre Vorbereitung nutzen. Stand: Juni 2026.
Auf einen Blick
- Der Pflegegrad wird über 6 NBA-Module ermittelt — gewichtet nach ihrer Bedeutung für den Alltag (§ 15 SGB XI).
- Den größten Hebel hat Modul 4 „Selbstversorgung” mit 40 % — Körperpflege, An-/Auskleiden, Essen, Toilettengang.
- Aus Modul 2 und Modul 3 zählt nur der höhere der beiden Werte — zusammen machen sie 15 % aus.
- Der Gesamtpunktwert reicht von 0 bis 100. Schon ab 12,5 Punkten beginnt Pflegegrad 1, ab 90 Punkten Pflegegrad 5.
- Eine Selbsteinschätzung ersetzt die MD-Begutachtung nicht — sie bereitet Sie darauf vor und hilft, nichts zu vergessen.
| Modul | Bereich | Gewichtung |
|---|---|---|
| 1 | Mobilität | 10 % |
| 2 | Kognitive & kommunikative Fähigkeiten | 15 % (Modul 2 oder 3 — der höhere Wert) |
| 3 | Verhaltensweisen & psychische Problemlagen | (fließt mit Modul 2 in die 15 % ein) |
| 4 | Selbstversorgung | 40 % |
| 5 | Bewältigung krankheits-/therapiebedingter Anforderungen | 20 % |
| 6 | Gestaltung des Alltagslebens & sozialer Kontakte | 15 % |
„Die meisten Familien unterschätzen, wie viel im Modul Selbstversorgung steckt — und überschätzen die Mobilität. Wer vorher weiß, dass jede Hilfe beim Waschen, Anziehen und Essen zählt, dokumentiert die richtigen Dinge und geht ruhiger in den Termin.” — Anna Schmidt, Pflegeberaterin bei Omelia
1. Modul 1: Mobilität (10 %)
Im ersten Modul geht es um die rein körperliche Beweglichkeit — wie selbstständig sich die Person fortbewegen und ihre Position verändern kann. Bewertet wird nicht, ob jemand kognitiv versteht, was zu tun ist, sondern allein die motorische Selbstständigkeit.
Beispielhafte Kriterien:
- Positionswechsel im Bett (Umdrehen, Aufrichten)
- Halten einer stabilen Sitzposition
- Umsetzen (z. B. vom Bett in den Rollstuhl)
- Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs
- Treppensteigen zwischen Etagen
Jedes Kriterium wird auf einer Skala bewertet — von „selbstständig” bis „unselbstständig”. Wichtig: Mobilität wiegt mit 10 % vergleichsweise gering. Eine Person, die noch gut gehen kann, aber stark dement ist, kann trotzdem einen hohen Pflegegrad erreichen — weil andere Module mehr Gewicht haben.
2. Module 2 & 3: Kognition und Verhalten (zusammen 15 %)
Hier liegt eine Besonderheit des NBA, die viele übersehen: Die Module 2 und 3 werden gemeinsam mit 15 % gewichtet — aber es zählt nur der höhere der beiden Modulwerte, nicht die Summe.
Modul 2 — Kognitive und kommunikative Fähigkeiten erfasst zum Beispiel:
- Örtliche und zeitliche Orientierung (Wo bin ich? Welcher Tag?)
- Erinnern an wesentliche Ereignisse
- Steuern mehrschrittiger Alltagshandlungen
- Risiken und Gefahren erkennen
- Mitteilen elementarer Bedürfnisse, Verstehen von Aufforderungen
Modul 3 — Verhaltensweisen und psychische Problemlagen erfasst u. a.:
- Nächtliche Unruhe, Wahnvorstellungen, Ängste
- Aggressives oder abwehrendes Verhalten
- Antriebslosigkeit oder depressive Stimmungslagen
- Selbst- oder fremdgefährdende Handlungen
Gerade bei Demenz ist dieser Block entscheidend. Weil aber nur der höhere Wert zählt, lohnt es sich, beide Bereiche ehrlich und vollständig zu dokumentieren — der MD nimmt den für die Person günstigeren Wert.
3. Modul 4: Selbstversorgung (40 %) — der wichtigste Block
Mit 40 % ist Modul 4 das mit Abstand schwerste Modul — hier entscheidet sich der Pflegegrad am stärksten. Es geht um die alltägliche Grundversorgung des Körpers.
Beispielhafte Kriterien:
- Waschen (Gesicht, Hände, Oberkörper, Duschen/Baden)
- An- und Auskleiden (Ober- und Unterkörper)
- Mundpflege, Kämmen, Rasieren
- Essen und Trinken mündgerecht zubereiten und aufnehmen
- Toilettenbenutzung, Umgang mit Inkontinenz
- bei künstlicher Ernährung: Versorgung über Sonde/PEG
Weil dieses Modul so stark zählt, ist es zentral, jede einzelne Hilfeleistung zu erfassen — auch die, die im Alltag „nebenbei” passiert: das Knöpfe-Schließen, das Erinnern ans Trinken, das Anreichen der Mahlzeit. Wer hier untertreibt („das geht schon irgendwie alleine”), verschenkt genau dort Punkte, wo sie am meisten wiegen.
4. Module 5 & 6: Therapie-Anforderungen (20 %) und Alltag (15 %)
Modul 5 — Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen (20 %) erfasst den Aufwand, der durch Krankheit und Therapie entsteht:
- Medikamenteneinnahme, Injektionen, Blutzuckermessung
- Verbandwechsel, Wundversorgung, Stoma-/Katheterversorgung
- Umgang mit technischen Hilfen (z. B. Sauerstoff, Beatmung)
- regelmäßige Arzt- und Therapiebesuche (z. B. Dialyse, Physio)
Gezählt wird hier vor allem die Häufigkeit der Maßnahmen (pro Tag, pro Woche, pro Monat) — wer mehrfach täglich Unterstützung braucht, sammelt hier spürbar Punkte.
Modul 6 — Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte (15 %) betrachtet, wie selbstständig die Person ihren Tag strukturieren und Kontakte pflegen kann:
- Tagesablauf selbst gestalten und anpassen
- sich beschäftigen (Ruhen, Schlafen, Aktivitäten)
- Zukunft planen, vorausschauend handeln
- Kontakt zu anderen aufrechterhalten
Auch hier gilt: Eine kognitiv stark eingeschränkte Person braucht oft im gesamten Tagesablauf Anleitung — das gehört dokumentiert.
5. Vom Punktwert zum Pflegegrad — die Grenzen
Nach der Begutachtung werden in jedem Modul die Einzelpunkte ermittelt, in gewichtete Punkte umgerechnet und zu einem Gesamtpunktwert von 0 bis 100 addiert. Dieser Wert entscheidet über den Pflegegrad — nach den in Anlage 2 zu § 15 SGB XI festgelegten Grenzen:
| Pflegegrad | Gewichtete Gesamtpunkte | Bedeutung |
|---|---|---|
| Pflegegrad 1 | ab 12,5 bis unter 27 | geringe Beeinträchtigung |
| Pflegegrad 2 | ab 27 bis unter 47,5 | erhebliche Beeinträchtigung |
| Pflegegrad 3 | ab 47,5 bis unter 70 | schwere Beeinträchtigung |
| Pflegegrad 4 | ab 70 bis unter 90 | schwerste Beeinträchtigung |
| Pflegegrad 5 | ab 90 bis 100 | schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen |
Wichtig: Es geht um die gewichteten Gesamtpunkte — nicht um die rohe Summe der Einzelpunkte. Genau deshalb ist eine ehrliche Modul-für-Modul-Betrachtung so wertvoll: Sie zeigt, in welchem Bereich die Person am meisten Unterstützung braucht und wo realistisch Punkte zusammenkommen.
6. So nutzen Sie die Selbsteinschätzung für den MD-Termin
Eine Selbsteinschätzung ersetzt die Begutachtung nicht — aber sie ist die beste Vorbereitung. So gehen Sie vor:
- Modul für Modul durchgehen: Notieren Sie für jedes der sechs Module konkret, was die Person noch selbst kann und wo geholfen wird.
- Pflegetagebuch führen: Dokumentieren Sie über 1–2 Wochen, wie oft und wie lange Unterstützung nötig ist — besonders in Modul 4 und 5.
- Ehrlich bleiben — in beide Richtungen: Weder beschönigen noch übertreiben. Der MD merkt beides. Beschreiben Sie einen normalen, schlechten Tag, nicht den besten.
- Demenz mitdenken: Bei kognitiven Einschränkungen sind oft Module 2, 3 und 6 entscheidend — auch wenn die Person körperlich noch fit wirkt.
- Realistisch bleiben: Ihre Punktzahl ist eine Schätzung. Liegt sie knapp unter einer Grenze, lohnt besonders sorgfältige Dokumentation.
Eine gute Selbsteinschätzung sorgt dafür, dass am Begutachtungstag nichts untergeht — und dass Sie der Gutachterin oder dem Gutachter genau das zeigen können, was zählt. Stuft der MD am Ende zu niedrig ein, haben Sie mit Ihrer Dokumentation zudem eine solide Grundlage für einen Widerspruch.
7. Häufige Fragen
Kann ich meinen Pflegegrad wirklich selbst ausrechnen?
Sie können eine fundierte Einschätzung erarbeiten, indem Sie die sechs Module durchgehen und Ihre Beobachtungen den Punktgrenzen zuordnen. Das Ergebnis ist eine Annäherung, kein verbindlicher Bescheid — den Pflegegrad stellt ausschließlich der MD bzw. Medicproof fest.
Welches Modul ist für den Pflegegrad am wichtigsten?
Modul 4 „Selbstversorgung” mit 40 %. Es wiegt mehr als alle anderen Module und entscheidet am stärksten über den Pflegegrad. Danach folgen Modul 5 (20 %) sowie die Module 2/3 und Modul 6 (je 15 %) und Modul 1 (10 %).
Warum zählt nur der höhere Wert aus Modul 2 oder 3?
Das NBA verhindert so eine Doppelgewichtung ähnlicher Einschränkungen. Kognitive Defizite (Modul 2) und Verhaltensauffälligkeiten (Modul 3) überschneiden sich oft — daher fließt nur der höhere der beiden Werte in die 15 %-Gewichtung ein.
Ab wie vielen Punkten bekomme ich Pflegegrad 2?
Pflegegrad 2 beginnt ab 27 gewichteten Gesamtpunkten und reicht bis unter 47,5 Punkte. Pflegegrad 2 ist der häufigste Pflegegrad und der Schwellenwert, ab dem z. B. Pflegegeld und Sachleistungen deutlich steigen.
Kann jemand mit Demenz trotz guter Mobilität einen hohen Pflegegrad haben?
Ja. Weil Mobilität nur 10 % ausmacht, kognitive und verhaltensbezogene Einschränkungen aber über die Module 2/3 und 6 stark einfließen, erreichen körperlich fitte, aber dementiell erkrankte Menschen häufig Pflegegrad 3 oder höher.
Ersetzt die Selbsteinschätzung das Pflegetagebuch?
Nein — beide ergänzen sich. Die Selbsteinschätzung gibt Ihnen die Struktur (welche Module gibt es?), das Pflegetagebuch liefert die Belege (wie oft, wie lange?). Zusammen sind sie die ideale Vorbereitung auf die Begutachtung.
Was passiert, wenn ich knapp unter einer Punktgrenze liege?
Dann lohnt besonders sorgfältige Dokumentation und ggf. eine fachliche Beratung. Schon wenige Punkte in Modul 4 oder 5 können über die nächste Stufe entscheiden. Fällt der Bescheid zu niedrig aus, ist ein Widerspruch möglich.
Gilt das NBA auch für Kinder?
Bei Kindern bis 18 Monaten und in jungen Jahren gelten angepasste Maßstäbe, weil ein Teil der Unselbstständigkeit altersbedingt normal ist. Das Grundprinzip der sechs Module bleibt, die Bewertung erfolgt jedoch im Vergleich zu gleichaltrigen, gesunden Kindern.
Wo Sie weiterlesen
- MD-Begutachtung vorbereiten — Checkliste und die 10 häufigsten Fehler am Termin.
- Pflegegrad beantragen — Schritt für Schritt — vom Antrag bis zum Bescheid.
- Pflegegrad-Komplettleitfaden 2026 — alles zu Leistungen, Stufen und Geld.
- Pflegegrad höherstufen & Widerspruch — wenn der Bescheid zu niedrig ausfällt.
- Pflegestufe oder Pflegegrad? — der Unterschied einfach erklärt.
- Pflegegrad und Kosten im Überblick — welche Leistung zu welchem Grad.
Praktische Werkzeuge: Mit unserem Pflegegrad-Check gehen Sie die Module strukturiert durch, der Förderungs-Check zeigt passende Leistungen — und bei Fragen ist unsere Beratung für Sie da.
Quellen
- Medizinischer Dienst Bund — Das Begutachtungsinstrument & Begutachtungs-Richtlinien (BRi) (md-bund.de)
- Gesetze im Internet — § 15 SGB XI (Pflegegrade, Gewichtung der Module) (gesetze-im-internet.de)
- Gesetze im Internet — Anlage 2 zu § 15 SGB XI (Punktbereiche & Pflegegrad-Grenzen) (gesetze-im-internet.de)
- Gesetze im Internet — § 14 SGB XI (Begriff der Pflegebedürftigkeit) (gesetze-im-internet.de)
- Bundesgesundheitsministerium (BMG) — Pflegebedürftigkeitsbegriff & Begutachtung (bundesgesundheitsministerium.de)
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